• Melanie Henke

Raus aus der Reiz-Reaktions-Falle

Aktualisiert: 21. Mai 2020

So oft denken, handeln oder sagen wir etwas aus einem Reflex heraus. Manchmal ist genau das überlebenswichtig und eine herausragende Leistung. Ehrlich gesagt, bin ich jedem zutiefst dankbar, der in medizinischen Notlagen reflexartig handelt. Geht es allerdings nicht um unser existenzielles Überleben, können reflexartige Reaktionen zu spannenden Situationen führen. Da kann die harmlose Frage „Schatz, hast du meine Socken gesehen?“, den Abend im emotionalen Desaster enden lassen.


Was passiert da?

Möglicherweise kennst du solche Momente. Ob privat oder beruflich, es gibt diese Situationen in denen auf einen Reiz (Frage, Aussage, Blick …) eine automatische Reaktion folgt. Leider ist diese automatische Reaktion für die Situation nicht immer sinnvoll. Doch wie kommt es dazu, dass manche Reize bei uns automatisch eine bestimmte Reaktion auslösen, über die wir im Nachhinein möglicherweise selbst innerlich den Kopf schütteln?


Mit unserem reflexartigen Verhalten erzählen wir immer auch etwas über unsere eigene Geschichte, denn wie wir persönlich auf solche Situationen reagieren, hängt stark von unseren angeeigneten Reiz-Reaktions-Mustern ab. Diese Reiz-Reaktions-Muster sind in unserem Stammhirn gespeichert und ausgesprochen schnell. Das müssen sie auch sein, wenn es darum geht Gefahren zu erkennen und schnell handeln zu können. In solchen Gefahrensituationen kann langes Nachdenken fatale Folgen haben.

Ein Beispiel ist die Kampf-Flucht-Reaktion. Nimmt unser Wahrnehmungssystem eine potenziell gefährliche Situation wahr, springt also automatisch der Kampf-Flucht-Reflex an. Unser Körper bereitet sich darauf vor anzugreifen oder zu fliehen. Der analytische Teil unseres Gehirns wird übergangen, weil er zu langsam wäre, um schnell reagieren zu können. In tatsächlich gefährlichen Situation ist der Kampf-Flucht-Reflex eine feine Sache.


Ich glaube, wir sind uns einig, dass die Frage „Schatz, hast du meine Socken gesehen?“, in den seltensten Fällen als „Gefahrensituation“ eingestuft werden kann. Bleibt also die Frage, wieso sie dennoch unsere Kampf-Flucht-Reaktion auslöst?


Grund dafür ist, dass dieser Reflex auch in Stresssituationen anspringt. Werden wir emotional verletzt, werden wir erschreckt, haben wir Termindruck, oder sind wir erschöpft reagiert unser Körper einfach.

Neben dem Kampf-Flucht-Reflex tragen wir weitere evolutionsbiologisch alte Reaktionstendenzen in uns. Alle haben gemeinsam, dass sie unser analytisches Denken und unsere Bewusstheit umgehen und unseren Körper animieren, etwas zu tun, was wir vielleicht gar nicht wollen. Das heißt, der ankommende Reiz weckt Emotionen ohne die Beteiligung unseres bewussten Denkens und Beurteilens und ist stark durch unsere persönlichen Grundüberzeugungen wie Werte und auch Wertekonflikte geprägt.

Wir sind also in diesen Situationen mit unseren tiefsten emotionalen Erfahrungen verbunden. Hier lohnt sich daher ein liebevoller Blick auf uns selbst. Denn diese Reaktion wird in der Vergangenheit Sinn gemacht haben, sonst hätten wir sie uns nicht angeeignet.


Es geht um Verantwortung

Die Frage, die wir uns heute stellen dürfen ist, macht unser Reiz-Reaktions-Muster heute noch Sinn? Oder auch, möchte ich wirklich ein Mensch sein, der so reagiert, wie ich in der Situation reagiert habe?


Unsere Freiheit liegt zwischen Reiz und Reaktion

Der Begründer der Logotherapie (griech. lógos „Sinn, Gehalt“ ) Viktor Frankl war überzeugt, dass es immer, auch in scheinbar ausweglosen Situationen, eine Möglichkeit gibt, die eigenen Reiz-Reaktions-Muster zu durchbrechen und sein Leben selbst zu gestalten:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Auch der persische Mystiker Rumi (Gelehrter und einer der bedeutendsten persischsprachigen Dichter des Mittelalters) hatte bereits diese Gedanken:


„Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum: Nur dort kann Begegnung stattfinden.
Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum: Nur dort findet Heilung und Entwicklung statt.
Zwischen Richtig und Falsch gibt es einen Ort. Dort werden wir uns begegnen.“

Übernehmen wir die Verantwortung für uns selbst, heißt das Freiheit zwischen Reiz und Reaktion zu gewinnen. Denn gelingt es uns, nach einem Reiz die Zeit „anzuhalten“, können wir unser Verhalten selbst bestimmen. Das ermöglicht uns, bewusst aus einer Vielzahl an unterschiedlichen Reaktionen aus unserem Verhaltensrepertoire auszuwählen.


Wie sieht das ganz praktisch aus?

  • Akzeptiere, dass du an dem Reiz nicht ändern kannst, sondern nur an deiner Reaktion.

  • Mache dir bewusst, dass es einen Raum gibt zwischen einem äußeren Reiz und deiner inneren Reaktion. Diese ermöglicht dir, bewusst einen andere Reaktion zu wählen.

  • Schaue hin, welche Situationen bei dir eher ungewünschte Reaktionen auslösen.

  • Überlege, wann du vermutlich wieder in eine solche Reiz-Reaktions-Falle tappen könntest.

  • Passiert genau das, du gerätst in eine Situation, die einen starken Reiz in dir auslöst, halte kurz inne. Nehme bewusst ein paar Atemzüge und frage dich „Wie möchte ich darauf reagieren?“.


Auch wenn es nicht immer leicht ist, doch immer liegt zwischen Reiz und Reaktion die Freiheit deiner Entscheidung.


Sei mutig und gehe deinen Weg!


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